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Ein trauriger Glücksfall

Vor einigen Tagen stand ich an einem windigen Strand im Nordwesten Islands, vor mir ein totes Orca-Weibchen. Sie war etwas mehr als 5 Meter lang, ihre Rückenflosse ca. 62 cm hoch und wurde später von Wissenschaftlern als IS223 identifiziert. Ich hatte bereits das große Glück, Schwertwale in aller Welt zu beobachten, aber so nah war ich einem dieser prächtigen Meeressäuger noch nie. Es war eine sehr bewegende Erfahrung, mit ein paar Freunden an diesem Strand zu stehen und dieser Matriarchin unseren Respekt zu zollen.

Tote Schwertwale werden normalerweise nicht an den Strand gespült, sie verenden direkt auf dem Meer und versinken in der Tiefe. Daher ist jeder gestrandete Orca sehr wertvoll für die Wissenschaft. Kollegen vor Ort nahmen Proben, z. B. von der dicken Speckschicht, und schickten diese direkt zur Analyse ins Institut für Meeresforschung (Marine Research Institute) in Reykjavik.

Was wissen wir über das Leben von IS223? Seit ein paar Jahren überwintern Heringe in dieser Gegend und seither war auch IS223 eine regelmäßige Besucherin des Fjordsystems, vor allem Kolgrafafjörður, Grundarfjörður und Breiðafjörður. Filipa Samarra, Sara Tavares und das Team vom Icelandic Orca Project konnten sie und ihre Familiengruppe einige Winter lang dort beobachten. 

Wir wissen nicht, wie alt das Orca-Weibchen war oder woran sie starb. Erste Untersuchungen lassen jedoch vermuten, dass sie aufgrund hohen Alters eines natürlichen Todes gestorben sein könnte, denn ihre Zähne waren sehr abgenutzt und sie hatte keine sichtbaren Wunden. Zahnabnutzung ist ein Merkmal dieses Schwertwal-Ökotyps (bekannt als North Atlantic Type 1), der sich vermutlich vor allem von Heringen und evtl. Seehunden ernährt. Der andere Ökotyp (North Atlantic Type 2) ernährt sich vermutlich ausschließlich von anderen Meeressäugern. Das isländische Wort für gestrandeter Wal, „hvalreki“, bedeutet auch „Glücksfall“ oder „Geldregen“, und stammt aus der Zeit, in der ein gestrandeter Wal für die lokale Bevölkerung Nahrung und Material für z. B. Kleidung für mehrere Monate bedeutete. Vielleicht ist der Tod von IS223 wenigstens für die Wissenschaft ein „Glücksfall“, denn Zähne und Gewebeproben stellen nicht nur wertvolle Informationen über den Gesundheitszustand von IS223 zur Verfügung, sondern Analysen der Schadstoffe in ihrem Körper geben auch Aufschluss über den Zustand des Ozeans, in dem das Orca-Weibchen lebte. Ihr Tod ist also nicht umsonst, denn diese Informationen sind wichtige Puzzle-Teile, mit denen Wissenschaftler das Leben dieser faszinierenden Meeressäuger weiter erforschen können. 

Danke an Marie Marie Mrusczok, Alexa Kershaw, Cathy Harlow, Gísli Ólafsson, Baldur Thorvaldsson, Filipa Samarra, Sara Tavares, Láki Tours und natürlich IS223, die diesen Blogeintrag möglich gemacht haben.

Wenn Ergebnisse der Untersuchungen vorhanden sind, werde ich darüber hier berichten.